Der Wohnbau in Österreich steht kurz vor einer Übersättigung

Der Bauboom in Österreich erreicht immer neue Höhen. Derzeit werden mehr Wohneinheiten denn je errichtet. Weil hauptsächlich die gehobene Mittel- und Oberschicht angesprochen wird, kritisieren Experten das Wachstum.

Alleine im Jahr 2017 wurden in Österreich rund 76.600 Wohnungen und Einfamilienhäuser zum Bau zugelassen. In Wien entstehen aktuell 24.000 neue Immobilien und damit 50 Prozent mehr als noch im Jahr 2007.
Der Bauboom in Österreich ist noch in vollem Gange. Wohnbauforscher Wolfgang Amann rechnet damit, dass 2018 mindestens genauso viele Wohnungen und Häuser bewilligt werden wie im Vorjahr. Der Experte warnt vor einer „Überhitzung“ des Immobilienmarktes und spricht sich für ein langsameres Tempo aus, „um keine harte Landung zu haben“.
Prisant: Seit 2016 bewilligen die Ämter mehr Häuser als benötigt. Der tatsächliche Bedarf werde regelmäßig überschritten, so Amann, und diese führe zu einer Übersättigung des Marktes.

Baufirmen stoßen an Kapazitätsgrenzen 

Sozialbau-Verantwortlicher Joseph Ostermayer hat jüngst auf einer Pressekonferenz über konkrete Probleme des rasanten Wachstums gesprochen. Viele Baufirmen stoßen bereits an ihre Kapazitäten und müssen Projekte aufschieben. Die intensive Nachfrage hat wiederum zu einer starken Erhöhung der Baukosten in der ersten Jahreshälfte geführt. Ostermayer erhofft sich eine Selbstregulierung des Markts. Erste Indizien dafür sind steigende Zinsen und ein abnehmendes Interesse am Hausbau.

Wohnraum wird von Anlegern aufgekauft

Das Wachstum des Wohnungsmarktes ist auch auf ein steigendes Anlegerinteresse zurückzuführen. Wohneinheiten werden immer häufiger von Vorsorgewohnungskäufern erworben, so Sandra Bauernfeind vom Immo-Dienstleister EHL Immobilien. Die Expertin spricht in ihrem Bericht von rund tausend Wohnungen, die bis Ende des Jahres alleine in Wien von Maklern aufgekauft werden. Durch den anhaltenden Trend hat Bauernfeind ihre Schätzungen sogar noch nach oben korrigiert. 
Ursächlich für den Boom ist auch die 2008/ ausgebrochene Finanzkrise. Das niedrige Zinsniveau, das sich infolge der Krise etablierte, eröffnete den Weg für das rasche Wachstum des Immobiliensektors. Auch die „fehlenden Alternativen bei der Veranlagung von Eigenkapital“ sind laut Amann ein entscheidender Faktor. In der Branche rechnet man mit einem Anstieg der Zinsen. Dies könnte zu einem Einbruch der Nachfrage nach Vorsorgewohnungen führen – doch was dann?
Das Szenario des Nachfrage-Einbruchs ist laut Bauernfeind unwahrscheinlich. „Auch in zwei bis drei Jahren wird noch gekauft werden wie heute.“ Die Maklerin hat Kunden, die regelmäßig Wohnungen kaufen und den Boom am laufen halten.
Die Attraktivität einer Anlegerwohnung orientiere sich am Zinsniveau, so Bauernfeind, doch weil Wien eine Studentenstadt ist, werde die Stadt auch in Zukunft attraktiv bleiben. Selbst eine Wohnung mit dreiprozentiger Rendite werfe mehr Gewinn ab als ein Sparbuch, sagte Bauernfeind in einem Interview.

5.320 Euro je Quadratmeter 

Während das Interesse an Wohnungen steigt, werden Eigentums- und Vorsorgewohnungen in Wien immer teurer. Eine Wiener Neubauwohnung kostet mittlerweile 5.320 Euro je Quadratmeter, so eine Erhebung von Standort+Markt und Bulwiengesa.
Die steigenden Preise deuten laut Amann an, dass der Bauboom hauptsächlich im gehobenen Eigentumssektor stattfindet. Dort wird sich eine Übersättigung zuerst bemerkbar machen.
Für den Bauboom in Österreich ist also kein Ende in Sicht. Ob die drohende Übersättigung und der Fokus auf die gehobene Mittel- und Oberschicht zu einem Wachstumsstopp führen wird, bleibt abzuwarten.